Noch am Dorfrande von Kastelruth erfasst der Blick verstreute Häuser, Wiesen und Wälder, die Sicht reicht über den Raschötzberg, den Ritten und die Mendel zu den Schlernwänden und zu den Abhängen der Seiser Alm. Unmittelbar danach umfasst den Besucher eine urbane Mauerkulisse, die sackgassenartig dem Gemeindehaus zustrebt. Der freistehende, mächtige, barocke Glockenturm und die breite Wand des Rathauses fängt nicht nur jeden Verkehr auf und lässt ihn tröpfchenweise in einer Ecke durchsickern, sondern gibt den Einheimischen und Fremden unmissverständlich zu verstehen, dass kein Weg an ihr vorbeiführt.

Seit fast einem Jahrhundert wird hinter dieser breiten Häuserfassade mit dem barocken Eingang und dem breiten, aber wenig vorstehenden Erker die Gemeinde Kastelruth verwaltet; die Fäden der Dorfpolitik laufen aber schon viel länger in diesem Haus zusammen, denn die früheren Besitzer und Bewohner waren mit wenigen Ausnahmen an der Verwaltung des Gerichtes Kastelruth beteiligt.
Zwischen 1603 und 1607 ließ der adelige Herr Jakob Kraus Foder von Sala (geb. um 1560 in Ungarn) diesen Bau an der Stelle ausführen, wo früher nachweislich zwei bäuerliche Anwesen genannt Stueter- und Safranhof, standen.
Jakob Kraus von Sala ist seinem Onkel Michael Kraus von Sala (ca. 1520-1588), einem Ungarnflüchtling zur Zeit der Türkenkriege, hierher nachgefolgt. Er hat von seinem kinderlos verstorbenen Onkel mütterlicherseits, der in Kastelruth als Gerichtspfleger auf Hauenstein begonnen hatte und später das Pflegeamt des Gerichtes Kastelruth leitete, ein reiches Erbe übernommen und war durch geschickte Heirat, wozu ihm auch sein Onkel behilflich war, zu Vermögen gekommen. Ein kaiserliches Privileg erhob 1607 den Neubau, den der Besitzer „Krausegg“ taufte, in den Rang eines Ansitzes, d.h. eines steuerfreien Adelssitzes; Jakob Kraus selber durfte seinen Namen und das Prädikat Krausegg erweitern und nannte sich von da an Kraus Fodor von Sala zu Krausegg. 1820 kaufte ihn der damalige Gerichtspfleger Franz Krienseisen. Über dessen Erbe ging der Bau an die Familie Malfertheiner über, die ihn 1909 an die Gemeinde Kastelruth verkaufte.

Im Laufe der nunmehr fast vier Jahrhunderte seines Bestandes hat der adelige Ansitz Krausegg etliche Umbauten und Veränderungen über sich ergehen lassen müssen. Davon ist nur von den beiden letzten Näheres bekannt. Während beim letzten Umbau in den späten 80er Jahren auf die Erhaltung der alten Baustruktur und Form Rücksicht genommen worden ist, hat man dafür beim Umbau in den 60er Jahren wenig Sinn gezeigt und ursprüngliche Strukturen im Inneren, wie Gewölbe und dergleichen, beseitigt. So ist der vordere Teil des Baus heute im Inneren fast all seiner ursprünglichen Bauelemente beraubt und bietet dem Besucher den Eindruck eines modernen Verwaltungsgebäudes. Davon ist nur die ebenerdige Eingangshalle und die Wendeltreppe ausgenommen. Der hintere Trakt, der im rechten Winkel auf den Vordertrakt trifft, weist außerdem unterschiedliche Boden- und Etagenniveaus auf, sein ursprünglicher Baubestand ist allerdings erhalten geblieben. Neben der „alten Ratsstube“, einem getäfelten Raum, ist im ersten Stock noch ein weiterer und größerer Saal mit einer Anfang des 17. Jahrhunderts zu datierenden Täfelung mit wertvoller Kassettendecke vorhanden. Im zweiten Stock waren ursprünglich drei große Räume mit barocker Täfelung vorhanden, die nun durch Glaswände unterteilt sind. Die noch vorhandenen Kachelöfen dieses Stockwerkes aus dem 17. Jahrhundert, davon einer mit figuralen Kacheln und dem Wappen der Familie Kraus, weisen auf die ehemaligen Besitzer hin.

Nach Außen erweckt der Ansitz durch seine breite Fensterfront, dem Rundbogenportal aus der Erbauungszeit mit Rustikalrahmen, dem breiten, aber wenig vorstehenden Erker, dem darunter angebrachten Wappen des Erneuerers des Ansitzes mit Inschrift „Jakob (Kajetan Anton) Kraus Fodor von Sallä zu Krausegg von Kastelruth, Tyrollischer Landmann 1782“, noch immer seinen ursprünglichen Eindruck. Die Erkertürme an der Rückseite des Ansitzes vermitteln auch jenen, die vom Kofel, dem ehemaligen Burgberg von Kastelruth herabsteigen, den Eindruck eines Edelsitzes und heben diesen Bau aus den umstehenden Häusern hervor.